Gottesdienst 17.05.2020 Rogate

Material: Gesangbuch, Kerze
Glockengeläut
Kerze entzünden

Einstimmung lesen oder eine*r in der Hausgemeinschaft liest vor
Die Glocken läuten und rufen zum Gebet.
Dieser Sonntag heißt Rogate. Das bedeutet: Beten. Vielleicht ist schon unser Atmen ein Beten. Dieses Ein und Aus.
Das Geräusch, das es macht, klingt jedenfalls wie Gottes unsaussprechlicher Name: J-H-W-H
Gott ist da. Und wir sind da. Versammelt. An unterschiedlichen Orten, zur gleichen Zeit und mit den gleichen Worten und Liedern. Atmend und betend.
Wir feiern im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 95
Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken
und jauchzen dem Hort unsres Heils!
Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen
und mit Psalmen ihm jauchzen!
Denn der HERR ist ein großer Gott
und ein großer König über alle Götter.
Denn in seiner Hand sind die Tiefen der Erde,
und die Höhen der Berge sind auch sein.
Denn sein ist das Meer, und er hat's gemacht,
und seine Hände haben das Trockene bereitet.
Kommt, lasst uns anbeten und knien
und niederfallen vor dem HERRN, der uns gemacht hat.
Denn er ist unser Gott
und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand.

Gebet zur Einkehr und zur Verbundenheit miteinander an verschiedenen Orten (eine*r betet für sich oder alle in der Gemeinschaft beten gemeinsam laut)
Gott.
Ich bin hier.
Ich bete zu Dir.
Mit anderen, die zur Dir beten.
Genau jetzt.
Genau so.
Und ich bringe Dir alles, was ist.
(Stille)
Höre uns. Sieh uns.
Amen.

Predigttext Matthäus 6,5-15
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Lied: EG 345,1-5 Auf meinen lieben Gott

Verkündigung
Liebe Gemeinde,
zum Gebet braucht man nicht in die Kirche zu gehen. Viele von unseren Gemeindegliedern haben ihre persönliche Form. Einige lassen in einem abendlichen Gebet ihren Tag an sich vorüber ziehen, danken Gott für alles Gelungene und Schöne. Das Schwere legen sie in seine Hand und geben ab. Luther formuliert in seinem Abendsegen: Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast, und bitte dich, du wollst mir vergeben alle meine Sünde, wo ich Unrecht getan habe, und mich diese Nacht auch gnädiglich behüten. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände... Es hilft, zur Ruhe zu kommen. Einige beten am Morgen und bitten für sich, für andere, an diesem Tag behütet zu sein. Und es gibt noch weitere Formen, wie den Seufzer oder begeisterten Ausruf "oh Gott!"
Seit Ostern 2020 sind sonntags zur Gottesdienstzeit einige Frauen und Männer für persönliches Gebet und Andacht in die Christuskirche gekommen. Der weite Kirchenraum, die Fenster oder der Altar und die Osterkerze, einzelne andere Gemeindeglieder, die still gebetet haben, der Kerzenbaum für die Fürbitte; etwas davon war ihnen wichtig. Eine Frau sagte nachher: "es war anders als gewohnt, aber die Stille tut gut." Eine andere Frau ging verärgert weg, weil sie an einem Tag sehr viel Störung erlebt hat. Die Kirche ist ein durchbeteter Raum. Sie bietet eine Möglichkeit, die Gedanken schweifen zu lassen, ruhig zu werden, sein Herz vor Gott auszuschütten und auch, um auf ihn zu hören. Sie ist ein stiller Ort, um den herum dennoch Unruhe ist. Unterschiedliche Belange der Menschen dringen hinein. Und in der Stille wird die eigene Unruhe laut.
Betende Menschen sind getrieben, so scheint es, wenn man den Predigttext aus dem Matthäusevangelium liest. Es gibt viele Arten zu beten. Jesus kritisiert mehrere sich zur Schau stellende und wichtig tuende Formen. Stattdessen empfiehlt er, sich zu Hause in sein stilles Kämmerlein zurückzuziehen. Gebet als Privatsache, als intimes Gespräch mit Gott. Beter lassen sich ins Herz schauen. Der verborgene Gott braucht die Öffentlichkeit nicht, schaut ins Verborgene. Und er weiß, was die Menschen brauchen, schon bevor sie ihr Gebet sprechen.
Es geht bestimmt nicht ums Ausspähen, eher um eine Stärkung und Ermutigung derjenigen, die sich in ihrem Beten oder mit ihrem Glauben durch andere eingeschüchtert, minderwertig, unsicher fühlen. Ergänzt werden können die, die verspottet werden, ob ihr Gebet etwas nützt. Sie brauchen sich nicht zu vergleichen, sondern können sicher sein: Gott sieht und hört sie. Das hilft, sich zu konzentrieren, von den Erwartungen oder Urteilen anderer unabhängig zu werden und mit sich beim Beten ins reine zu kommen. Ob ein Gebet erhört wird, entscheidet Gott.
Ich finde, Jesu Kritik ist ziemlich breit. Sie wendet sich an verschiedene Gruppen und gegen ein Zunutze machen des Gebets und vielleicht gegen die Behauptung: nur solches Beten ist richtiges Beten. Die Vielfalt der Formen kritisiert er meines Erachtens nicht. Ein Lobpreis wie in Psalm 95 braucht auch Öffentlichkeit bzw. Gemeinschaft. Der Beter preist Gott als König, als Schöpfer. Er fordert andere dazu auf, anzubeten, niederzuknien. In Gemeinschaft auf Gott ausgerichtet, als Mensch beachteter und von Gott besonders hervorgehobener Teil der Schöpfung zu sein, verortet Menschen. Es vergewissert sie ihrer Beziehung zu Gott.
Auch das stille Gebet hat seinen Sinn und seinen Platz, die Konzentration auf Gott, das Hören, einatmen und ausatmen.
Ein Gebet, das viele Bitten in wenigen Worten auf den Punkt bringt, schlägt Jesus vor: Das Vaterunser. Wir beten es bis heute in Gemeinschaft, allein, als Abschluss für unsere Fürbitten im Gottesdienst oder während der Abendmahlsfeier. Wir und Christinnen und Christen weltweit werden dadurch miteinander verbunden.
Im Zusammenhang mit der Kritik am Beten und in den beiden kommentierenden Sätzen nach dem Gebet geht es um Vergeben: "vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen". Ein Schwerpunkt.
Durch diese Bitte gestehe ich als Beterin grundsätzlich ein, in der Beziehung mit Gott, mit mir selbst und mit den anderen abhängig und angewiesen zu sein. Wir erleben, wie das Miteinander leidet und aus dem Gleichgewicht gerät, wenn Macht missbraucht wird, Verantwortung zu groß wird, Schwächere übergangen werden oder ihnen geschadet wird, wenn Menschen ungleich/ungerecht behandelt, Gutmütige ausgenutzt werden,.... Kann man sich selbst vergeben, wenn man es merkt? Wer zu schnell über zu viel, zu wenig, schlecht, gut, passend urteilt, kann sich gegenüber anderen schuldig machen. Der Aufbau von Feindbildern oder der Hang dazu, sich selbst klein zu machen, böse Worte in Rage gesagt und Weiteres braucht "Gericht": ausgesprochen werden, Wahrheit/ Einsicht, Eingestehen vor einem Gegenüber, Reue, Entschuldigung, Befreiung von Bindungen und Wege in die eigene, in die neue Zukunft.
Im Gebet betrachten wir uns als auf Gott angewiesen, verantwortlich gegenüber den Mitmenschen und binden uns an Gott zurück. Es ist menschlich, bei einer Entscheidung einen Fehler zu machen, Verlockungen zu erliegen oder sie nicht zu durchschauen. Böses stellt eine Macht dar, gegen die Gott mit seiner Macht und Kraft ankommt. Vergeben und Erlösen stehen in seiner Hand. Sie sind geschehen in Jesus Christus.
Beten und bitten wir im Vertrauen darauf, dass wir von Gott angenommen werden mit unseren Fehlern und unserer Schuld. Vor ihm brauchen wir nichts zu vertuschen oder zu tabuisieren, sondern können ehrlich sein und bereit werden, etwas anders zu machen. Hoffen und vertrauen wir, dass Gott uns mit Barmherzigkeit begegnet, Freiheit bringt, Verstrickungen löst und eine Umkehr möglich macht. Unter den von ihm geschenkten neuen Bedingungen leben, denken und handeln müssen wir selbst. Zwischen Menschen sind manchmal lange Wege erforderlich, bis sie einander vergeben können, Entschuldigungen annehmen. Das Gebet kann dabei unterstützen. Und es kann einen stärken, selbst zu vergeben. Die Erzählung vom verlorenen Sohn im Lukasevangelium Kap. 15 ist ein Beispiel. Erinnern Sie sich an eigene Erfahrungen von Vergebung, wohin das geführt hat.
Was uns, liebe Gemeinde, zur Zeit beschäftigt, wofür wir danken und was uns bedrängt, dass wir so da sind wie wir sind, bringen wir vor Gott. Geben wir ab, lassen los, hören hin, gewinnen Zuversicht, fühlen uns beschenkt. Halten wir Stille aus und seien gewiss, dass Gott uns nicht aus den Augen verliert.
Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Zeit für eigenes Gebet, Stille, ein- und ausatmen

Fürbitte
Jesus.
Hier sind wir.
Du hast gesagt: Wir sollen beten.
Du hast gesagt: wir werden gehört.
Wir wollen das glauben.
Hilf uns dabei.
Wir denken an alle, die wir lieben.
Was tun sie gerade?
 
Stille
 
Wir denken an alle, die nach einem Impfstoff suchen, einem Medikament.
 
Stille
 
Wir denken an die, die Entscheidungen treffen müssen für andere.
 
Stille
 
Wir denken an die, die Angst haben und wütend sind.
 
Stille
 
Wir denken an die Sterbenden. An die Trauernden. In Krankenhäusern, Lagern, auf dem Meer.
An die, die versuchen, für sie zu sorgen.
Und wir beten, wie du, Jesus, es uns gezeigt hast:  wer mag, gesungen EG 186
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen (Hände öffnen und laut sprechen)
Gott segne uns und behüte uns.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen.
Kerze löschen

nach einem Entwurf und mit Texten von: Birgit Mattausch und Bettina Gilbert Michaeliskloster Hildesheim