02.04.2021 Karfreitag

Material: Kerze, ggf. Gesangbuch
Kerze entzünden
Gruß (laut lesen):
Heute ist Karfreitag (plattdeutsch: Still‘ Freedag!).
Ein denkwürdiger Tag. Dem lasst uns Raum geben. Dafür nehmen wir uns Zeit. Wo auch immer – allein oder in Gemeinschaft.
Auch wenn wir nicht in einer Kirche zusammen sind – sind wir in Gottes Namen verbunden. Wir feiern diesen stillen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Über dem Tag steht das Leitwort:
So sehr hat Gott die Welt geliebt,
dass ER seinen einzigen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.        [Joh. 3,16]
Wir beten Verse aus dem Psalm 51 –
(wenn mehrere Personen da sind, auch im Wechsel möglich):
Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte,
und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.
     Wasche mich rein von meiner Missetat,
     und reinige mich von meiner Sünde;
denn ich erkenne meine Missetat,
und meine Sünde ist immer vor mir.
     An dir allein habe ich gesündigt
     und übel vor dir getan,
Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden,
und tilge alle meine Missetat.
    Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz,
    und gib mir einen neuen, beständigen Geist.
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.
    Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe,
    und mit einem willigen Geist rüste mich aus.

Gemeinsam sprechen wir: [EG 190.2]
Christe, du Lamm Gottes,
der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser.
Christe, du Lamm Gottes,
der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser.
Christe, du Lamm Gottes,
der du trägst die Sünd der Welt,
gib uns deinen Frieden.
Gott, erschließe uns die Kraft, die im Kreuz verborgen ist.
Öffne unsere Sinne für deine Liebe mitten im Leid. AMEN.
Lied: Herr, ich komme zu dir …
Herr, ich komme zu Dir,
und ich steh' vor Dir, so wie ich bin
Alles was mich bewegt lege ich vor Dich hin.
Herr, ich komme zu Dir,
und ich schütte mein Herz bei Dir aus.
Was mich hindert ganz bei Dir zu sein, räume aus!                
Bibeltext des Tages
Lesung des Evangeliums (aus Joh. 19, 16-30) [im Gesangbuch: EG 954.30]:
Jesus wird gekreuzigt (hier: Text der Basis-Bibel)
Jesus wurde abgeführt.17Er trug sein Kreuz selbst aus der Stadt hinaus zu dem Ort, der »Schädelplatz« heißt auf Hebräisch Golgatha.18Dort wurde Jesus gekreuzigt und mit ihm noch zwei andere –einer auf jeder Seite und Jesus in der Mitte.19Pilatus ließ ein Schild oben am Kreuz anbringen, auf dem geschrieben stand: »Jesus der Nazoräer, der König der Juden.«20Viele Juden lasen das Schild. Denn der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, lag nahe bei der Stadt. Die Inschrift war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache abgefasst.21Die führenden Priester des jüdischen Volkes sagten zu Pilatus: »Schreibe nicht: ›Der König der Juden‹, sondern: ›Dieser Mann hat behauptet: Ich bin der König der Juden.‹«22Pilatus erwiderte: »Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.«
23Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider unter sich auf. Sie waren zu viert, und jeder erhielt einen Teil. Dazu kam noch das Untergewand. Das war in einem Stück gewebt und hatte keine Naht.24Die Soldaten sagten zueinander: »Das zerschneiden wir nicht! Wir lassen das Los entscheiden, wem es gehören soll. «So ging in Erfüllung, was in der Heiligen Schrift steht: »Sie verteilen meine Kleider unter sich und werfen das Los über mein Gewand.« Genau das taten die Soldaten. 25Nahe bei dem Kreuz von Jesus standen seine Mutter und ihre Schwester. Außerdem waren Maria, die Frau von Klopas, und Maria aus Magdala dabei.26Jesus sah seine Mutter und neben ihr den Jünger, den er besonders liebte. Da sagte Jesus zu seiner Mutter: »Frau, sieh: Er ist jetzt dein Sohn.«27Dann sagte er zu dem Jünger: »Sieh: Sie ist jetzt deine Mutter.« Von dieser Stunde an nahm der Jünger sie bei sich auf. 28Nachdem das geschehen war, wusste Jesus, dass jetzt alles vollbracht war. Damit vollendet würde, was in der Heiligen Schrift steht, sagte er: »Ich bin durstig!«29In der Nähe stand ein Gefäß voll Essig. Die Soldaten tauchten einen Schwamm hinein. Dann legten sie ihn um einen Ysop und hielten ihn Jesus an den Mund.30Nachdem Jesus den Essig genommen hatte, sagte er: »Es ist alles vollbracht.« Er ließ den Kopf sinken und starb.
(Wir pusten die Kerze aus – und halten einen Moment Stille)
Lied – O Haupt voll Blut und Wunden … (Evangelisches Gesangbuch 85, 1+9+10)
Predigttext: Jesaja 52,13 bis 53,12 [im Gesangbuch zu finden: EG 954.30]:
Zentraler Abschnitt:
Jes. 53, 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Verkündigung
Liebe Gemeinde,
unerwarteter Ausgang. Oh, hat sie sich geärgert! Da teilt nun schon der Radiosender, den sie jeden Morgen hört, laufend mit, wo geblitzt wird – und dann das!! Sie wollte noch eben schnell was zur Mülldeponie nach Breinermoor bringen. Der Wagen hat allerhand PS unter der Haube – und dann war’s schon passiert. Bei der Kaserne an der Evenburg, wo „sie“ ja oft stehen - grelles rotes Licht blitzt auf – vorbei! Der Tacho zeigte knapp 100 an, wo 50 erlaubt ist. Mit hochrotem Kopf kommt sie nach Hause. Der Abend ist gelaufen, gleich das ganze Wochenende. Das wird teuer. Ja, und die Punkte in Flensburg! Sicher ein Fahrverbot – wer weiß, wie lange. Katastrophe. Aber was will man machen? Die Strafe ist verdient. Dafür gibt es Recht und Gesetz. … --- Das Ganze liegt nun schon 5 Monate zurück.
Neulich sagte sie: „Mich haben sie doch damals im November geblitzt!“ – Siehst Du – dachte ich: Das vergisst man so leicht nicht … ist immer noch präsent. Doch plötzlich sprudelt es aus ihr heraus: „Weißt du was …? Davon habe ich bis zum heutigen Tag nichts gehört!!! Die müssen mich vergessen haben - oder die Technik hat nicht funktioniert - oder die haben Gnade vor Recht ergehen lassen?!!“ Jedenfalls: Totale Erleichterung: Mensch, das bleibt mir erspart. (Mit einer winzig kleinen Prise Ungewissheit: Oder – kommt da noch was …???)
Mitten aus dem Leben gegriffen. Eine Lappalie eigentlich. Nicht wert, in einer Predigt aufgegriffen zu werden. Trotzdem vermittelt uns dieser Moment einen Hauch von Karfreitag; eine Schlüsselerfahrung, die uns das Geschehen in Jerusalem ein klein wenig aufschießt.
An Karfreitag rekapitulieren wir, was damals mit Jesus geschehen ist. Wir re-kapitulieren und kapitulieren zugleich: Unfassbar, was dem, der die Menschen liebt, an Menschenverachtung widerfahren ist. Todtraurig – so viel Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit. Aber so geht es zu in dieser Welt. Heute noch. Wer immer Schlimmes und Schweres erlebt hat, weiß: Wirklich verstanden hat mich nur der, der das selbst durchgemacht hat. Darum macht Gott dieses alles durch. Es gibt keinen Ort mehr – und sei er noch so leidvoll – den Christus nicht durchschritten hat. Wir glauben an einen Gott, „der’s Leben kennt, der mich versteht“.
Aber Karfreitag ist noch mehr, als dass Gott an der Seite derer ist, die durchs dunkle Tal gehen. Es muss ja einen Grund haben, dass die Engländer diesen Tag „Good Friday“ (Guter Freitag!) nennen. Was ist das Gute daran?
Das vermittelt uns der Predigttext von dem Propheten Jesaja (s.o.). Wir sehen darin sofort die Leidensgeschichte von Jesus beschrieben; aber das ist falsch. Denn diese Verse wurden bereits 500 Jahre vor der Geburt von Jesus niedergeschrieben!! Sie beleuchten die Zeit, als das Volk Gottes in Babylon in Gefangenschaft war (von 587 – 538 v.Chr.). Die Gefangenschaft wurde als die gerechte Antwort Gottes auf das Versagen seines Volkes gedeutet: Das musste ja alles so kommen, denn schließlich hat das Volk u. die Verantwortlichen versagt u. schwere Schuld auf sich geladen. Das ist der Preis für das eigene Versagen.
In Jesaja 53 ist die Rede von einem namenlosen Gottesknecht. [Jesaja schreibt insgesamt 4 solcher Gottesknechtslieder: Jes 42, 1-9; 49, 1-9; 50, 4-9; 52,13-53,12] Hier wird ein ziemlich genaues Bild von dem Knecht gezeichnet: Er ist hässlich: „Seine Gestalt war hässlicher als die anderer Leute.“ (Jes. 52,14) Mobbing war ihm sicher. Er wurde verabscheut; sein Körper war entstellt. Man mochte nicht hinschauen: „Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg.“ (53,3) Die Erklärung, die man dafür hatte: Sein Äußeres ist ein Spiegelbild seines Inneren. Das, was ihm geschieht, wird die gerechte Strafe Gottes sein. „Wir hielten ihn für den, der von Gott geschlagen und gemartet war.“ (V. 4)
Und nun ein völlig unerwarteter Ausgang: Dieser entstellte, verabscheute Knecht trägt nicht an seinen eigenen Sünden. Sondern er badet das aus, was das Volk eingebrockt hat. „Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen.“ (V. 5) Das Volk Gottes aber bekommt die Nachricht: „Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ (H.D. Gentscher) Sie dürfen zurück in die Heimat, in das gelobte Land. Der „Bußgeldbescheid“, mit dem das Volk Israel immer noch rechnete, der kommt nicht mehr. Nicht, weil er verloren gegangen ist, sondern weil das einer auf seine Kappe genommen hat: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten u. durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (V.5)
Kein anderer Abschnitt aus dem AT wird so häufig im NT zitiert, wie dieses Gottesknechtslied! Die Erklärung liegt auf der Hand: Anfang – Leben – Ende von Jesus entsprechen dem des Gottesknechtes. Die Geschichte wiederholte sich in Jesus. Da haben die frühen Christen eine Analogie hergestellt und es ging ein Aufatmen durch die Gemeinde: Das Gericht Gottes hat schon stattgefunden: „Die Strafe liegt auf ihn, auf dass wir Frieden hätten. Durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Das ist das Gute an diesem ‚Good Friday‘. Wir warten nicht mehr ängstlich auf das, was noch kommen kann. Wir fürchten nicht die Rechnung, die uns am Ende der Zeiten noch ins Haus steht. Es ist bereits alles bezahlt. Wir sind erlöst, befreit, geheilt. Darum können wir uns dem Leben u. seinen Herausforderungen zuwenden.
„Oh, das ist aber einfach!“ – meinte neulich jemand. „Wenn Jesus alles auf seine Kappe nimmt und einfach Sünden vergibt, dann kann ich ja getrost so weitermachen. Dann muss ich ja nichts in meinem Leben ändern!“ --- Allerdings: Das verstehe ich nicht. Denn die Frau, die wg. der Geschwindigkeitsüberschreitung keinen Strafzettel bekommen hat, die fährt jetzt bewusster u. verantwortlicher – und das nicht nur an der Kaserne! Und dann sollten wir unser Leben nicht ändern wollen, weil Jesus alles für uns rausreißt?? ---
Nein, gerade weil wir wissen, was uns abgenommen wurde, werden wir wie Beschenkte u. Befreite tun, was nötig ist - und lassen, was dem Leben nicht dient. Dazu hilft uns dieser gute Freitag.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen
Lied – Nun gehören unsere Herzen …  (Evangelisches Gesangbuch 93)
Fürbitten:
Gott, du gibst dich ganz für mich hin, heißt es. Oft ist mir das zu groß – und zu fremd. Nimm mich in dieses Geheimnis hinein. Lass mich etwas davon entdecken. Nimm mich hinein in deine Lebenskraft.
In der Stille beten wir für all das, was heute da ist:
Was unser Herz schwer macht u. wofür wir heute Danke sagen.  ---
Abschließend gemeinsam u. laut das
Vater-Unser beten.
Segen:
Gott segne uns und behüte uns.
Gott lasse leuchten sein Angesicht über uns und sei uns gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden.
Er schenke uns ein frohes Osterfest!

Gerd Bohlen, Superintendent i.R.

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