Gottesdienst 01.11.2020 21. Sonntag nach Trinitatis

Material: Gesangbuch, Kerze

Glocken läuten, • Kerze entzünden

• Einstimmung (lesen oder eine*r in der Hausgemeinschaft liest vor)
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen
Die Glocken läuten und rufen zum Gebet.

Wir sind versammelt. An unterschiedlichen Orten. Zur gleichen Zeit. Im Glauben. Einen Tag nach dem Reformationstag steht das Thema Frieden im Mittelpunkt dieses Gottesdienstes. Wir feiern in Gottes Namen.

Wenn möglich im Wechsel Psalm 19 lesen
Das Gesetz des HERRN ist vollkommen
und erquickt die Seele.
    Das Zeugnis des HERRN ist gewiss
    und macht die Unverständigen weise.
Die Befehle des HERRN sind richtig
und erfreuen das Herz.
    Die Gebote des HERRN sind lauter
     und erleuchten die Augen.
Die Furcht des HERRN ist rein und bleibt ewiglich.
Die Rechte des HERRN sind wahrhaftig, allesamt gerecht.
    Sie sind köstlicher als Gold und viel feines Gold,
    sie sind süßer als Honig und Honigseim.
Auch lässt dein Knecht sich durch sie warnen;
und wer sie hält, der hat großen Lohn.
    Wer kann merken, wie oft er fehlet?
    Verzeihe mir die verborgenen Sünden!
Bewahre auch deinen Knecht vor den Stolzen,
dass sie nicht über mich herrschen;
    so werde ich ohne Tadel sein
    und unschuldig bleiben von großer Missetat. Amen

• Gebet zur Einkehr und zur Verbundenheit miteinander an verschiedenen Orten
(eine*r betet für sich oder alle in der Hausgemeinschaft beten gemeinsam laut)
Gott.
Ich bin hier.
Und Du bist hier.
Ich bete zu Dir.
Und weiß: ich bin verbunden.
Mit Dir.
Mit anderen, die zu Dir beten.
Genau jetzt.
Genau so.
Ich bin hier.
Und Du bist hier.
Das genügt.
Ich bringe Dir alles, was ist.
Stille
Höre auf unser Gebet. Amen

Bibeltexte für diesen Tag
Lesung aus dem Buch Jeremia 29,1-7 (8-9)10-14 und zugleich Predigttext
Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte – nachdem der König Jechonja und die Königinmutter mit den Kämmerern und Oberen in Juda und Jerusalem samt den Zimmerleuten und Schmieden aus Jerusalem weggeführt waren –, durch Elasa, den Sohn Schafans, und Gemarja, den Sohn Hilkijas, die Zedekia, der König von Juda, nach Babel sandte zu Nebukadnezar, dem König von Babel:
So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.
Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR.
Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Lesung aus dem Matthäusevangelium 5,38-48
Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2. Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Lied: EG 619 Damit aus Fremden Freunde werden 1 – 3.6

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
In dem Film "ostfriesisch für Anfänger" aus dem Jahr 2013/6. Junge Fachkräfte aus dem Ausland, Menschen mit Migrationshintergrund müssen, um Arbeit in Deutschland zu bekommen, einen Sprach- und Integrationstest ablegen. Um sich darauf vorzubereiten müssen sie einen Kurs machen wie auch die Menschen, die zur Zeit bei uns im Katharina-von-Bora Haus lernen. In dem Film werden sie in dem gepfändeten Haus eines eigenbrödlerischen Ostfriesen – gespielt von Dieter Hallervorden – untergebracht. Er hat vor 5 Jahren seine Frau verloren, arbeitet in einer Tankstelle, baut Buddelschiffe und ist mit de "Utlanders" in seinem Haus nicht einverstanden. Mit seiner abweisenden Art baut er im wahrsten Sinne des Wortes Mist und muss als Sozialstunden die Sprachschüler unterrichten. Selbstverständlich und unwillig bringt er ihnen Plattdeutsch bei. Denn er hat als einer der letzten Einheimischen nie etwas anderes gesprochen. Seine Schülerinnen und Schüler sind ihm zwangsweise ausgeliefert, weil ihr eigentlicher Lehrer mit einer Verletzung im Krankenhaus liegt. Und doch lernen sie etwas bei ihm, suchen trotz Skepsis einiger Einheimischer und mit Hilfe derer, die sie willkommen heißen, des Dorfes Bestes und finden dort, wo es keine Arbeit gibt und wo die jungen Leute weg wollen, nach bestandener Sprach- und Integrationsprüfung Freunde und Arbeit, z.B. Als Ärztin, Altenpfleger,.. Und der Eigenbrödler findet wieder einen Sinn in seinem Leben. Es ist (nur) ein Film, der gut von Verlorenheit, Alleingelassensein und Sehnsucht nach sinnerfülltem Leben erzählt.

Unfreiwillig weg: Menschen, die heute hierher kommen, haben Träume, häufig haben sie Krieg, Not in ihren Ländern erlebt. Häufig sind sie getrennt von ihren Familien. Ein Mann, der unseren Brief mit der Bitte um freiwilliges Kirchgeld falsch verstanden hatte und zu mir kam, erzählte, dass seine Frau im Iran lebe und dass er sie viele Jahre nicht mehr getroffen hat.
Unfreiwillig aus ihren Dörfern, Städten, Häusern und Wohnungen weggehen mussten auch viele Menschen während des zweiten Weltkriegs und danach. Über Generationen geben sie manchmal noch weiter, dass ihnen etwas verloren gegangen ist: Heimat, Gemeinschaft, Lebensgefühl. Obwohl sie sich ein neues zu Hause und eine neue Existenz aufgebaut haben, bleiben sie z.B. Distanziert, leben weiter in Unterscheidungen und sagen: bei uns ist das anders.
Vielleicht wird uns, wenn der Klimawandel dramatischer wird, wenn wirtschaftliche und politische Konflikte nicht gelöst werden und durch Auswirkungen der Pandemie noch klarer, dass es immer Menschen gibt, die woanders hin müssen. Wer ins Nachbarland geht, hofft nach einer Übergangszeit wieder zurück kehren zu können. Wenn es Arbeit, eine Wohnung, Sicherheit gibt, richten sie sich auch für immer ein, und versuchen über Verlust, Trauer und Verletzung, die langsam heilt, weg zu kommen.

Unser Predigttext ist vor mehr als 2500 Jahren geschrieben worden. Der Prophet Jeremia schreibt an Menschen in Babylon, die nach der Eroberung und Zerstörung Jerusalems in ein anderes Land und in eine andere Stadt vertrieben worden sind. Für diese Katastrophe werden nicht nur politische Fehlentscheidungen der Herrschenden verantwortlich gemacht, sondern auch religiöse Begründungen genannt. Jeremia antwortet auf die bange Frage: "und wenn Gott das beabsichtigt?" Er hat es beabsichtigt. Damit nimmt er eine Last von den Menschen, auch wenn sie ihn fragen und anklagen können, warum. Und nun macht er Mut, das Leben in der Fremde anzunehmen. Da war Unsicherheit, wie sie reagieren sollten, vielleicht auch Verheißung einiger mitgereister Propheten, dass bald alles vorüber sei. Abwarten, seine eigenen Traditionen bewahren, einfrieren wäre ein Weg. Aber dann gäbe es keinen Sinn und kein Gespür für die Gegenwart und die neue Welt um sie herum, keine Energie dafür, sich zu bewähren. Deswegen werden die Menschen vielleicht für sie überraschend aufgefordert: baut Häuser, pflanzt Gärten, nehmt Frauen, suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn. Dies ist ein Weg die politischen Ereignisse im Glauben zu verarbeiten. In der Gegenwart leben und nicht in der Vergangenheit, Hoffnung zu bewahren. Die Erfahrung vertrieben zu werden, bedeutet auch, eine Krise des Glaubens durchzumachen. Gottesferne, Ablehnung, Verloren sein, Unsicherheit, Enttäuschung von Zukunftsverheißung, Zweifel gehören zu ihr. Und gleichzeitig gibt es hier die Zusage, dass Gott zu ihnen hält. Er sagt ihnen zu, dass sie nicht verloren sind. Durch den Propheten spricht er mit ihnen und verheißt ihnen Frieden. Eins, zwei Generationen später, wird er die Menschen zurückbringen. Gott kündigt Versöhnung an. Er führt weg, ruft dazu auf, zu leben und sich zu erhalten und bringt zurück, weil er Gedanken des Friedens mit ihnen hat. Er will nicht das Leid, sondern Zukunft und Hoffnung. Und das nicht auf Kosten der eigenen und auch nicht auf Kosten anderer Menschen.
Anstatt zu resignieren, dürfen die Menschen auf ihren Gott vertrauen, sich an ihm und seinen Zusagen festhalten. Eine Einstellung um unangenehme, fremde Situationen auszuhalten ist: wenn es den anderen gut geht, geht es mir auch gut. Vielleicht besteht Angst, sich anzupassen und zu assimilieren und womöglich die eigene Identität auf zu geben. Gott spricht: suchet der Stadt Bestes und betet für sie. Mit dem Glauben an den eigenen Gott, dem Vertrauen auf Halt kann ich ich bleiben, trotz Unsicherheit, eine andere werden, bereichert von den neuen Kontakten und Erfahrungen.
Als ich noch im Harz wohnte, staunte ich, wie die Zugereisten in der Fremdwahrnehmung die Zugereisten blieben und sogar in ihrer Eigenwahrnehmung. Und ich erlebte, dass gerade einige von ihnen es waren, die sich besonders für ihre Bergstadt engagierten. Sie schaffen damit Anknüpfungspunkte und Begegnung für weitere neu hinzugekommene, aber auch für aufgeschlossene Einheimische. Das gibt es bestimmt an ganz vielen Orten, auch hier.
Es gibt ja Ziele, die alle Bewohner einer Stadt gemeinsam haben: gesund bleiben, ihren Kindern Zukunft geben, Arbeit, Sicherheit und Sinn haben. Das gelingt, wenn man aufeinander zugeht, sich kennen lernt. Verschieden zu sein und zu bleiben, ist die Herausforderung und es ist ein Glück, wenn man sich verstehen lernt. Auf diesem Weg hat Gott ein offenes Ohr, hört, lässt sich bei der eigenen Suche finden: z.B. Lichtblicke haben, bei Verlorenheit nicht allein sein, die Hoffnung nicht verlieren. Wir, liebe Gemeinde, sind die, zu denen Menschen aus anderen Regionen, Ländern, mit anderen Kulturen kommen. Überlegen wir, wie wir uns verhalten. Wir Christen sind die, die in einer veränderten und sich verändernden Gesellschaft leben. Vertrauen wir, auch wenn uns einiges fremd vorkommt, auf Gottes Zusage, seien bereit und einzusetzen und setzen unsere Hoffung auf ihn. Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Lied: EG 352 Alles ist an Gottes Segen 1 – 2.4-5

 Fürbitten
Gott. Wir sind verbunden.
Als Menschen mit Menschen.
Als Glaubende miteinander.
Als Glaubende und Menschen mit Dir.
Wir bringen Dir unsere Gedanken, unseren Dank für so vieles und unsere Sorgen, auch wegen der neuen Einschränkungen unseres Lebens.
Stille
Wir denken an alle, die wir lieben, an alle, die unterwegs sind. - Was tun sie gerade.
Stille.
Wir denken an alle, die in diesen Zeiten noch einsamer sind.
Stille.
Wir denken an alle Kranken in ihren Wohnungen, in den Heimen und in Krankenhäusern.
Stille.
Wir denken an alle, die helfen. - Sie setzen sich und ihre Kraft und ihre Gaben füreinander ein.
Stille.
Gott. Wir sind Deine Menschen.
Wir sind miteinander verbunden.
Atmen die Luft Deiner Schöpfung. Beten zu Dir in allem, was ist.
Beten zu Dir mit den Worten, die Jesus uns gelehrt hat:

 • Vater Unser

• Segen
Hände öffnen und laut sprechen:
Gott segne uns und behüte uns.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen

• Kerze löschen     

Liturgie nach einem Entwurf aus dem Michaeliskloster Hildesheim, Predigt, Gestaltung S. Köhler