Gottesdienst 14.06.2020 Trinitatis

Material: Gesangbuch, Kerze

still od. laut lesen oder eine*r in der Hausgemeinschaft liest vor
Die Glocken läuten und rufen zum Gebet.
Jesus sagt:
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.
Wir sind versammelt. An unterschiedlichen Orten: In der Christus-Kirche, in anderen Gemeinden in Leer und weltweit -  und hier zuhause. Zur gleichen Zeit. Sind miteinander verbunden. Und sind verbunden mit Gott.
Wir feiern im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Die Bibel – Gottes Wort  // Zuspruch und Anspruch // manchmal Provokation … das beschäftigt uns heute:

 

 

 

 

 

Psalm 119 (Die Herrlichkeit des Wortes Gottes – der längste Psalm!) – wir sprechen gemeinsam
151 HERR, du bist nahe,
     und alle deine Gebote sind Wahrheit.

153 Sieh doch mein Elend und errette mich;
     denn ich vergesse dein Gesetz nicht.
154 Führe meine Sache und erlöse mich;
     erquicke mich durch dein Wort.
174 HERR, mich verlangt nach deinem Heil,
     und an deinem Gesetz habe ich Freude.
175 Lass meine Seele leben, dass sie dich lobe,
     und dein Recht mir helfen.

Lied EG 324, 1-7: Ich singe Dir mit Herz und Mund … (leicht zu singen oder angehört oder vorgelesen)

Gebet zur Einkehr und zur Verbundenheit miteinander an verschiedenen Orten
(eine*r betet für sich oder alle in der Hausgemeinschaft beten gemeinsam laut)
Gott.
Ich bin hier.
Und du bist hier.
Ich bete zu dir.
Und weiß: ich bin verbunden.
Mit dir.
Mit anderen, die zu dir beten.
Genau jetzt.
Genau so.
Ich bin hier.
und du bist hier.
Das genügt.
Und ich bringe Dir alles, was ist.
(Stille)
Höre auf unser Gebet.
Amen.

Bibeltexte des heutigen Sonntags (zu finden im Ev. Gesangbuch unter Nr. 954.44):
Wir lesen die Epistel des Tages aus 1. Johannes 4, 16b – 21
(dazu passend: Strophen des Liedes EG 412, 1+2)
Predigttext: Apostelgeschichte 4, 32 – 37 Die Gütergemeinschaft der ersten Christen
32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,
37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Liebe Gemeinde,
das ist mal ein Bibeltext, der jedem verständlich ist. Es ist ein Blick in die Anfänge der allerersten Christen-Gemeinde. Wie haben die gelebt? Was haben die gemacht? Kein Wort darüber, wie es die heutige Christus-Gemeinde, die sich hier in Leer versammelt, machen sollte. Kein: So tue desgleichen – sondern: So war es damals! Trotzdem bleiben wir davon nicht unberührt. Sondern unausgesprochen steht die Frage im Raum: Und wir? Was machen wir? Es ist eben keine Erzählung unter der Überschrift: Aus alten Zeiten – sondern es ist Wort Gottes. Und das ist und bleibt Provokation - bis heute!
Provokation – und eine Premiere! Denn - über diesen Text ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht gepredigt worden. Ich predige seit fast 40 Jahren – und habe darüber noch nie gepredigt. Sie war in der Ordnung der Predigttexte nicht vorgesehen. Offensichtlich hat man sich diesen Text vom Leib gehalten – und damit auch vom Leib Christi. Dabei ist er so denkbar einfach und klar:
die Gläubigen waren ein Herz und eine Seele;
auch nicht einer sagte: Das ist meins; sondern sie hatten alles gemeinsam;
es war niemand in der Gemeinde, der Mangel hatte; (Suppenküche brauchten die nicht)
mit großer Kraft u. Gnade wurde bezeugt, dass Jesus auferstanden ist
wer Äcker oder Häuser hatte, verkaufte sie und spendete das Geld der Gemeinde [fühle mich angesprochen, seitdem wir im eigenen Haus in Leer wohnen],
die Gemeindeverantwortlichen gaben einem jeden, was er nötig hatte
dann folgt noch ein namentliches Beispiel: Josef, der auch Barnabas hieß, der hat es z.B. genauso gemacht.
Nun stehen diese Worte fast 2.000 Jahre in der Bibel. Was haben denn die Mütter und Väter im Glauben, unsere Vorfahren, damit gemacht? Im Wesentlichen haben sie alles daran gesetzt, sich den Text vom Leib zu halten:
Die einen haben gesagt: Das sind romantische Idealisierungen. Frommer Wunsch. Sieht man ja schon am ersten Satz: die Gläubigen waren ein Herz und eine Seele. Kennen Sie eine Gemeinde, in der alle ein Herz und eine Seele sind?
andere haben gesagt: schön und gut; aber historisch nicht haltbar. Man muss ja nur ein paar Verse weiterlesen: da wird von Hannanias u. Saphira berichtet, wie sie betrogen haben. Und tatsächlich: die beiden haben auch einen Acker verkauft, aber so heißt es da wortwörtlich: „Doch Hannanias hielt mit Wissen seiner Frau etwas von dem Geld zurück und brachte den Aposteln nur einen Teil.“ (=Apg. 5, 1ff.) --- Schon gab es Streit u. Stress.
wieder andere wiesen darauf hin: dieser Rigorismus ist nur dadurch zu erklären, dass die Gläubigen damals mit der baldigen Wiederkunft von Jesus rechneten. Was bedeutete da noch Besitz an Geld oder Gut, wenn es sowieso bald zu Ende ist und wir mit Jesus in seinem Reich sind?!
das muss man auch sagen: in der Geschichte der Christenheit hat es immer wieder kleine versprengte Gruppen gegeben, die genau das versucht und gelebt haben: dass niemand mehr oder weniger hat, sondern allen alles gehört: die Franziskaner, die Hussiten, die Täufer, die Kibbuzim. Aber die hat man für Exoten gehalten. Durchgesetzt hat sich das nicht;
und ich denke an meinen Onkel, der einmal in einer hitzigen Diskussion bei uns zuhause sagte: Und wenn sie heute allen gleich viel geben, dann können sie’s nächste Woche wieder machen. Denn die einen haben alles gespart, und die anderen haben nichts mehr, weil sie alles ausgegeben haben.
Ich habe jetzt genügend mögliche Gründe aufgeführt, mit denen wir uns den Text vom Leib halten können --- oder: machen wir es uns damit zu einfach?
Vor ein paar Jahren ist der Publizist Roger Willemsen verstorben. Er hat an diesem Juni-Sonntag vor 5 Jahren eine Zukunftsrede gehalten unter der Überschrift: „Wer wir waren!“ Da hat er versucht, unsere Gegenwart aus der Zukunft zu beschreiben. Hat sich gefragt: Was werden spätere Generationen über uns heute sagen? Was damals niemand gewusst und er selber wohl nicht geahnt hat: Dass es seine letzte Rede war. Denn kurz darauf erkrankt er an Krebs und stirbt weniger Monate später – mit 60 Jahren.
2 Dinge, die er herausstellt:
1. Unsere Gegenwart war eine Zeit des Zuviel. Wir waren die, die zu viel hatten, zu viel parallel machten, denen alles zu viel wurde.
2. Wir haben kein gesundes Verhältnis zur Zukunft mehr. Aus der Gegenwart muss alles rausgeholt werden; das Leben jetzt muss es bringen; jetzt müssen alle Bedürfnisse befriedigt werden, denn dann kommt ja nichts mehr. Und darum haben wir keine Visionen mehr. Willemsen wörtlich: „Nur Zeiten, die vieles zu wünschen übrig lassen, sich auch stark im Visionären.“ Der Reichtum jetzt ist in Wirklichkeit eine Armut.  --- Könnte es sein, dass Roger Willemsen was Richtiges gesehen hat?
Angesichts der Corona-Krise hat Tanja Draxler einen tollen Text geschrieben. Darin heißt es: „Es könnte sein, dass unsere Wirtschaft einen ungeheuren Schaden erleidet! … es kann aber auch sein, dass wir endlich erkennen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben und dass ständiges Wachstum eine absurde Idee der Konsumgesellschaft ist. Es wurde Zeit zu spüren, wie wenig wir eigentlich tatsächlich brauchen.“
Wir haben zu Beginn des GD das Lied gesungen, das eines meiner Lieblingslieder ist: „Ich singe Dir mit Herz und Mund …“ [EG 324] 1653 geschrieben. Das war auch eine schlimme Zeit – aber Paul Gerhardt besingt, wie reich wir Menschen beschenkt sind. Und alles, was er dort aufzählt, das umgibt uns heute noch genauso. Und er kommt zu dem Ergebnis: „Was sind wir doch? Was haben wir auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater, nicht von dir allein gegeben werd?“ (Str. 3) --- Wir sind schon reich! Darum können wir abgeben.
Von der Gemeinde der ersten Christen hieß es: Mit großer Kraft wurde die Auferstehung des Herrn Jesus bezeugt. So steht es auch groß in Eurem Schaukasten vor der Kirche. Jesus sagt: Ich lebe und Ihr sollt auch leben! D.h.: Die Glaubenden versprachen sich etwas von der Zukunft und das machte sie frei, zu geben. Sie haben das aus freien Stücken getan. Nirgendwo steht geschrieben, dass Christen so leben müssen. Sie sind selbst darauf gekommen, dass es so sein müsste, dass keiner einen Mangel hatte. Und daraus haben sie das Ideal der Gütergemeinschaft entwickelt – selbst wenn die real-existierende Gütergemeinschaft nur halbherzig geklappt hat. Aber sie haben etwas angestoßen, das heute noch bedenkenswert ist. Genau das macht uns die Corona-Krise neu bewusst: Wir haben zu viel – aber abgeben und teilen machen nicht ärmer sondern reicher.
Ich weiß: Wohl niemand von uns wird morgen zum Notar gehen und sagen: Ich verkaufe mein Haus u. wollt den Erlös der Suppenküche der Gemeinde spenden. Ich werde es auch nicht tun. Und trotzdem bringt mich die Lebensform der frühen Gemeinde ins Nachdenken: Was brauche ich und was haben andere nötig? Was bindet mich und was macht mich frei? Wie wollen wir das Teilen praktizieren? --- Wo Christen leben, sollte es nie ohne Experimente und Aktivitäten der Liebe abgehen.
Aus dem AT gibt es die Tradition des Zehnten. D.h.: 10 %, von dem, was ich bekomme, gebe ich für andere. Ich habe das als Jugendlicher mit dem Taschengeld probiert. Und es ging – und habe das so beibehalten. Und ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass mir das, was ich weggegeben habe, später gefehlt hat.
Ja, ich weiß: das ist noch längst keine Gütergemeinschaft. Und doch ein Weg.
Ein Schauspieler eines großen Theaters erzählt: „Um der Routine vorzubeugen, steckt sich unser Ensemble immer wieder neue Ziele. Z.B.: bei der 35. Vorstellung desselben Stücks setzen wir uns zum Ziel: ‚Heute sprechen wir jeden Satz anders als beim letzten Mal!‘“ – Um dann zu sagen: „Klappt sowieso nicht, aber es braucht Grenzwerte, Ideale, damit man in Bewegung bleibt!“ --- Worum sollte es uns anders gehen?
Amen.


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Lied: EG 603, 1-3: Ins Wasser fällt ein Stein …

Fürbitten-Gebet (14. Juni 2020):
Gott, ewig und barmherzig,
Arme liegen vor den Türen der Reichen.
Sie bitten um Brot,
sie bitten um Asyl,
sie bitten um Gerechtigkeit.
Öffne die Ohren der Reichen für die Hilferufe
der Armen, der Flüchtlinge, der Ausgebeuteten.
Fülle die Herzen der Reichen mit Barmherzigkeit
und die Hände der Armen mit Brot.
Wir bitten dich:
Erbarme dich.

Gott, ewig und barmherzig,
Kranke und Verletzte warten auf Heilung.
Sie haben Schmerzen,
sie sind in Furcht,
sie hoffen auf Genesung.
Steh du den Kranken und Verletzten bei.
Gib denen Freundlichkeit, die andere pflegen.
Lass niemanden vergeblich hoffen.
Schicke deine Engel zu Hilfe.
Wir bitten dich:
Erbarme dich.

Gott, ewig und barmherzig,
deine Gemeinde schaut auf dich.
Deine weltweite Kirche lebt von deinem Wort.
Halte Du Deine Kirche in allen Konfessionen zusammen.
Schütze die um ihres Glaubens willen verfolgt werden.
Segne das Miteinander und alle Arbeit in der neuen Woche.
Dir vertrauen wir,
auf dich hoffen wir,
dich loben wir,
durch Jesus Christus, deinen Sohn.
 
Stille
 
Vater unser im Himmel,...

Hände öffnen und laut sprechen:
Gott segne uns/euch/Dich und behüte uns/euch/Dich.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns/euch/Dir und sei uns/Euch/Dir gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf uns/Euch/Dich und gebe uns/Euch /Dir Frieden.
Amen.

Kerze ausblasen
 Gerd Bohlen, Leer
Superintendent i.R.
(Entwurf von Jochen Arnold für www.michaeliskloster.de)