Gottesdienst 28.06.2020 3. Sonntag nach Trinitatis

Material: Gesangbuch, Kerze

Glocken läuten

Kerze entzünden

Einstimmung (lesen oder eine*r in der Hausgemeinschaft liest vor)
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen
Die Glocken läuten und rufen zum Gebet.
Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, Lk 19.10
Wir sind versammelt. An unterschiedlichen Orten. Zur gleichen Zeit. Im Glauben. Das verbindet uns, auch wenn wir uns verloren fühlen und viele verlorene Mitmenschen vor Augen haben.
Wir feiern in Gottes Namen.

 

 

 Psalm 103,1-13
Lobe den HERRN, meine Seele,
und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
    Lobe den HERRN, meine Seele,
    und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt
und heilet alle deine Gebrechen,
    der dein Leben vom Verderben erlöst,
    der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
der deinen Mund fröhlich macht
und du wieder jung wirst wie ein Adler.
    Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht
    allen, die Unrecht leiden.
Er hat seine Wege Mose wissen lassen,
die Kinder Israel sein Tun.
    Barmherzig und gnädig ist der HERR,
    geduldig und von großer Güte.
Er wird nicht für immer hadern
noch ewig zornig bleiben.
    Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden
    und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
Denn so hoch der Himmel über der Erde ist,
lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
    So fern der Morgen ist vom Abend,
    lässt er unsre Übertretungen von uns sein.
Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

Gebet zur Einkehr und zur Verbundenheit miteinander an verschiedenen Orten
(eine*r betet für sich oder alle in der Hausgemeinschaft beten gemeinsam laut)
Gott.
Ich bin hier.
Und Du bist hier.
Ich bete zu Dir.
Und weiß: ich bin verbunden.
Mit Dir.
Mit anderen, die zu Dir beten.
Genau jetzt.
Genau so.
Ich bin hier.
Und Du bist hier.
Das genügt.
Ich bringe Dir alles, was ist.
Stille
Höre auf unser Gebet. Amen

Bibeltexte des Tages
Lesung aus dem Alten Testament, zugleich Predigttext Micha 7,18-20
Wo ist solch ein Gott, wie du bist,
der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!
Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.
Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Evangelium Lukasevangelium 15,1-32
Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne.
Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich!
Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.  Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Lied (Text lesen oder singen) EG 353 Jesus nimmt die Sünder an 1-2.4-5

Verkündigung (Text lesen oder eine*r in der Hausgemeinschaft liest vor)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,
In manchen Verstrickungen ist es nicht leicht, eindeutig Schuld zu benennen. Manche Menschen geben sich schnell selbst die Schuld. Andere beschuldigen lieber jemand anderen, damit die Fronten klar sind und damit ihr Gewissen leichter ist.
Beim Schulzeugnis gesteht sich manchmal jemand ein, nicht gelernt zu haben und selbst Schuld zu sein. Jemand anders macht die Lehrerin oder den Lehrer dafür verantwortlich, mit dem oder mit der er nicht zurecht kommt. Im Blick auf Betrug mit Bilanzen, auf Verantwortungslosigkeit im Umgang mit den Arbeitsbedingungen vieler Mitarbeitender einer Firma ist es richtig und wichtig, Schuld zu benennen und zu bekennen und es anders zu machen. Aktuelle Beispiele dafür sind ihnen bekannt.
Rassismus, der in den Gesellschaften vorhanden ist und sich unauffällig oder gewaltsam in Worten und Taten Bahn bricht, muss erkannt, benannt und verurteilt werden. Ein Artikel dazu über die Diskriminierung farbiger Musiker in der klassischen Musik war Freitag in der OZ (26.6.2020, S. 28) zu lesen: Stan Ford, der erste schwarze Klavierprofessor am Salzburger Mozarteum sagt: „Ich habe Preise gewonnen, habe promoviert, bin Professor an einer der renommiertesten Ausbildungsstätten für klassische Musiker weltweit, aber wenn ich auf die Bühne will, wird es schwierig.“ Seine erste Klavierlehrerin in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri sagte: „zu mehr als zum Klimpern wird es nicht reichen.“ Als er zu einem schwarzen Lehrer wechselte, startete er durch „wie eine Rakete.“ Er studierte, gewann Preise und wurde 1986 Professor in Österreich. Die Verpflichtung war nicht unumstritten. „Ich unterrichte nicht neben einem Neger“ hat ein Kollege ihn begrüßt. Ford hat ihm verziehen, so wie er auf den Rassismus, der ihn nach wie vor trifft, mit Milde reagiert, ohne ihn zu verharmlosen. Dabei hilft ihm sein tiefer Glaube – auch, wenn er als Pianist auftreten will und die anfängliche Ablehnung eines großen Teils des Publikums spürt, weil es von einem Schwarzen Jazz erwartet und keinen Mozart. Deshalb muss er sich jeden Auftritt erkämpfen.
Am vergangenen Sonntag sagte Emilia Roig Direktorin des Center für intersectional justice im Deutschlandfunk: Niemand kann behaupten, von Rassismus nicht betroffen zu sein.“ Von den Systemen werden wir zu Mann, Frau, Schwarz, Weiß, behindert... gemacht. Anstatt auf die Opfer von Diskriminierung zu schauen könne man genauso gut fragen: Wann haben Sie sich zuletzt rassistisch geäußert oder wann haben Sie zuletzt Rassismus weitergetragen – auch unbewusst? „Absicht ist nicht relevant. Wir machen das auch täglich, ich auch,“ sagt sie. „Wir sind so geprägt von diesen Vorstellungen, von den Darstellungen und von der Hierarchie, dass es uns allen passiert und das müssen wir erst mal akzeptieren.“ Deswegen setzt sie sich dafür ein, den Blick auf die Perspektive der von den Systemen privilegierten Menschen zu richten.
Der Prophet Micha redet zu Menschen, die nach der Belagerung durch die Großmacht der Perser und die Deportation der Oberschicht in ihrem Land zurück geblieben sind. Die Sammlung von Aussagen und Texten in diesem kleinen Buch und die Bearbeitung umfasst einige Jahrhunderte um die Zerstörung des Jerusalemer Tempels 722 v. Christus. Unheilsansagen und Heilsankündigungen drehen sich um Schuldgefühle, Vorwürfe von Versagen, auch Zweifel im Glauben: z.B. den Gedanken, dass diese Situation eine Strafe Gottes ist, weil die eigenen Herrschenden seinen Willen nicht befolgt haben und weil die Menschen sich andere Götter gesucht haben, aber auch weil Mächtige andere ausbeuten. Gott ist zornig und wird richten. Unheil und Heil werden abwechselnd angekündigt. Denn wie können die Menschen bestehen in ihrem zerstörten Land ohne die anderen, unter einer fremden Herrschaft? Trägt sie ihre Religion? Irgendwie sind sie verloren.
Der Prophet Micha hat ein gutes Gespür für die Kluft in der Gesellschaft seiner Zeit und Einsicht in die strukturellen Ursachen. Mit Hilfe des Glaubens vergewissert er die verunsicherten, geschlagenen Menschen Gottes Gnade. Und er verheißt Zukunft im Frieden: Völker werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen, sagt er z.B.
Die Schuld soll nicht das Leben bestimmen, sondern die Beziehung zu Gott, die trotz dieser Situation weitergeht und nicht abbricht. Gottesferne, Verlorenheit, Hilflosigkeit werden aufgefangen und bekommen ein Gegenüber. Die Beziehung ordnet sich neu, auch zu den Menschen. Die Schuld bestimmt den Menschen nicht mehr, sondern bekommt ihren Platz und ihre Zeit, und Ohnmacht wandelt sich in neue Lebenskraft und Fähigkeit zur Gestaltung des Lebens.
Gnade bedeutet, dass Gott freiwillig und in Treue zu denen hält, die sich verrannt haben und ihnen neue Chancen gibt. Dass er denen Halt gibt, die von Selbstüberschätzung, Verachtung,... tief fallen. Dass er die trägt, die sich Vorwürfe machen, aus Angst oder aus Ignoranz weggeschaut und geschwiegen zu haben. Gebunden an die oder weggelaufen vor den unbewältigten Problemen, bleiben ihnen Bauchschmerzen. Von Gott gelöst und zu einem Neuanfang befreit zu werden, ist ein Geschenk. Es wird möglich, ohne schlechtes Gewissen und Schuldgefühle sein und leben zu dürfen. Der Vater, der im Evangelium seinen zunächst hochmütigen, dann gescheiterten, aber zurückgekehrten und reumütigen Sohn in die Arme schließt und ein Fest für ihn ausrichtet, ist ein Beispiel für Barmherzigkeit, Vergebung und Neuanfang. Und auch der Prophet nutzt in unserem Predigttext starke Bilder: „Gott legt die Schuld der Menschen unter seine Füße und zertritt sie. Oder: er wirft sie weit weg in die Tiefe des Meeres.“ So reden auch die Psalmbeter. Und dieser Abschnitt ist am Ende des Prophetenbuchs Micha eine Antwort der Menschen, der Gemeinde auf Gottes Treue, seine Verheißung von Heil und Vergebung. Auf sein Wort will sie vertrauen. So wie wir Menschen sind, steht er zu uns, sieht uns mit unserer Schuld und so, wie er uns darüber hinaus gedacht hat. Und er freut sich über die, die den Weg zurück zu ihm finden oder auch weiter mit ihm gehen möchten und auf seine Hilfe vertrauen. Wir können uns auf etwas verlassen, das kein Mensch so leisten kann: Ein Gott, der Freude an der Gnade hat, der nach denen, die verloren gehen, sucht und ihnen einen Weg zurück in eine lebendige Beziehung möglich macht.
Jede und jeder hat Begabungen, Stärken und Fähigkeiten. Auf diese kann sie sich wieder verlassen und darauf kann er wieder bauen. Mit Gottes Gnade leben, bedeutet, seinen Segen zu haben, auf seine Hilfe zu vertrauen. Für Rettung und für Lebenswende dankt auch der Beter vom Psalm 103: „Der Herr schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden,“ sagt er z.B. Wenn wir darauf vertrauen, mögen wir Wege finden mit unserer Schuld, mit der anderer umzugehen und nicht in Ohnmacht zu leben, sondern aus Gottes Gnade. Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Lied:EG 585 Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, 1-3

• Fürbitten
Gott, unser Schutz und unser Halt, wir sind vor dir mit
unserer Unsicherheit und Angst,
unseren Sorgen um uns selbst und die, die uns am Herzen liegen,
unserer Sehnsucht nach einem guten Weg.
Gott, unsere Quelle und unsere Kraft, wir sind vor dir mit
unserer Dankbarkeit für alles, was uns im Leben wesentlich ist,
unserer Freude über alle Erfahrungen von Menschenfreundlichkeit,
unserer Neugier auf das, was gut werden will.
Gott, unser Grund und unser Ziel, wir sind vor dir mit
unseren Bitten für alle, die es besonders schwer haben in dieser Zeit,
unserer Solidarität mit den Kindern, den Alten, den Armen,
unserer Liebe zu dieser Erde und allem, was auf ihr lebt.
Wir sind vor dir, unsere Stärke und unser Fels,
sei du auch mit uns an allen Tagen und Nächten,
auf allen Wegen, bei allem, was wir tun und erleben. Amen

Wir beten zu Dir mit den Worten, die Jesus uns gelehrt hat:
Vater Unser

Segen
Hände öffnen und laut sprechen:
Gott segne uns und behüte uns.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen

• Kerze löschen

Liturgie nach einem Entwurf aus dem Michaeliskloster Hildesheim
Predigt, Gestaltung S. Köhler